Im Eingangsbereich der Ausstellung werden Bilder von Hildegard
Jaekel zu sehen sein. Sie malt mit Erden, deren warme Farbtöne
auf der Leinwand abstrakte großflächige Formen bilden.
Zum Teil erscheinen auf ihren Bildern auch Erden aus anderen Regionen
der Erde, die ihr Freunde von Reisen mitgebracht haben. Auf diese
Weise entstehen auf ihren Bildern Verknüpfungen Kassels mit
allen Teilen der Welt.
Im selben Raum finden sich einige Holzskulpturen von Janusz
Siewiersky, deren Skizzenhaftigkeit ihnen eine besondere Beweglichkeit
verleiht. Siewiersky beschäftigt sich bei diesem Figuren mit
dem menschlichen Leiden. Die Ausschnitthaftigkeit der Körper,
Gliedmaßen brechen plötzlich mit einer sauberen Schnittkante
ab, sucht nach einem Aussagewert jenseits der klassischen Vorstellung
von der Fragmenthaftigkeit der Körper.
Im nach rechts angrenzenden Raum finden sich links an der Wand
Tuschezeichnungen von Reinhard Doubrawa, die auf journalistische
Fotografien aus einer Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Der
Spiegel" zurückgehen. Die Zeichnungen sind auf ihre Zeichenhaftigkeit
reduziert und markieren durch ihre Positionierung auf dem weißen
Blatt den früheren Stand auf der Magazinseite.
Unmittelbar daneben findet sich eine Medieninstallation, die von
Thomas Imhof zusammengestellt wurde. Sie basiert auf einem
Computerspiel, durch das sich ein sogenannter Cyborg bewegt. Die
Umsetzung von realer in digitale Körperlichkeit ist dabei das
Hauptthema, das auf mehrfacher Ebene durchgespielt wird. Die Lebensgröße
des Cyborgs, die durch die Videoprojektion hergestellt wird, ist
dabei nur ein Aspekt.
Dahinter, in der Pfeilerhalle im Erdgeschoß, hat für
den Zeitraum der Ausstellung das AktionsTheater eine Spielstätte
gefunden. Das Theater von Helga Zülch, die seit über
zwanzig Jahren in Kassel arbeitet, ist in dem Zwischenraum von Installation
und Theater angesiedelt. Die einzelnen Requisiten haben eine individuelle
künstlerische Form. An fünf Abenden während der Ausstellungszeit
wird das AktionsTheater seine aktuelle Produktion "Die Tochter
des Ganovenkönigs" zeigen.
Eva Tenschert zeigt eine großformatige Fotografie,
die eine architektonische Hinterhofsituation mit Balkonen schildert.
Die besondere Farbigkeit der einzelnen Bildteile und ihre Zuordnung
zueinander schafft eine Ordnung, die sowohl für den dargestellten
Raum, als auch für die Struktur des Bildes gilt. Der dominierende
Farbton dabei ist ein künstliche Hautfarbe.
Auf der anderen Seite des Gebäudes sind in der schmalen Seitenhalle
vier großformatige Fotografien von Eberhard Weyel ausgestellt.
Sie zeigen Tankstellen, die Weyel in den Ländern der vormaligen
DDR aufgenommen hat. Hier hatten sich auch alte Formen erhalten,
die in der Bundesrepublik längst Modernisierungsmaßnahmen
gewichen waren.
Im gleichen Raum findet sich in zwei Vitrinen Mail Art, die von
Holger Minotto initiiert und zusammengetragen wurde. Die
einzelnen Objekte und Graphiken erscheinen in häufig sehr hohen
Auflagen und werden bei Mail Art Aktionen kostenlos verschickt.
Minotto hat für die Ausstellung Durchgangszimmer eine Auflage
hergestellt, die er am letzten Tag an interessierte Ausstellungsbesucher
verteilen wird.
In der kleinen anschließenden Nische zeigt Cecilia Gray
ein Video, das einen Einblick durch die Schaufenster in die Säle
einer Tanzschule gewährt. Da die Tanzschule an einer viel befahrenen
Straße liegt, hört und sieht man ständig Autos vorrüberfahren.
Die Geräsche und Bewegungen Innen und Außen ergänzen
sich zu einem Film, der die beiden verschiedenen Ebenen miteinander
verbindet.
In einem anderen Raum im Erdgeschoß hat Magna E. Hildebrandt
sechs große Fahnen aus weißem Fließstoff aufgehängt,
auf die sie kalligraphische Zeichen gemalt hat. Diese schwarzen
Zeichen sind aus den Buchstaben T O D aufgebaut. Der ernsthafte
Charakter der Kalligraphie bekommt durch den Trägerstoff eine
Leichtigkeit, die sich der häufig verdrängenden Begegnung
mit dem Thema Tod auf andere Art nähert.
Im selben Raum finden sich als Fries an der Wand Zeichnungen von
Katrin Leitner. Sie thematisieren auf humorvolle Art Betrachterpositionen.
Ein irgendwie geartetes Wesen, das als grauer Umriß erscheint
und lediglich durch zitierte Gliedmaßen von Comikfiguren gekennzeichnet
ist, bemüht sich um ein als Bild erscheinendes Funierstück.
Der daran anschließende Durchgang wird von einer Arbeit von
Sofia Greff bestimmt. Sofia Greff hat mit durchscheinender
Klebefolie die Schrift von Buchseiten abgezogen. Sie hängen
jedoch noch an der unteren Seite zusammen. Auf diese Weise hat sie
ein ganzes Buch aufgelöst und ihrer Schrift beraubt. Die einzelnen
Seiten hängen nun an einer Leine und nehmen Besitz von dem
Raum, in dem sie erscheinen.
In einem einzelnen abgetrennten und für die Präsentation
der Arbeit abgedunkelten Raum werden unmittelbar aus dem Computer
und durch einen Projektor an die Wand geworfene Bilder von metereologischen
Hochs und Tiefs gezeigt. Christine Nossol hat die mit Namen
belegten Wetterlagen personifiziert, die Tiefs weiblich und die
Hochs männlich.
Im Treppenhaus findet sich noch einmal eine Fahne von Magna E.
Hildebrandt, die beide Stockwerke verbindet.
Im ersten Raum des ersten Obergeschosses zeigt Philipp Hennevogl
Linolschnitte. Der mit seinen Werken im Frankfurter Museum für
Moderne Kunst vertretene Künstler beschäftigt sich mit
dem modernen Leben in den Städten. Stadtlandschaften werden
dabei zu Stilleben und Stilleben verwandeln sich in Landschaften.
Die Figuren sind häufig isoliert. Menschen erscheinen ganz
auf sich bezogen, sind aber durch den gleichmäßigen Duktus
des Linolschnittes wieder in ihr Umfeld einbezogen.
Gegenüber steht eine Plastik von Patricia Meisenheimer.
Die Figur ist als klassiche Plastik geformt und dann in Kunststoff
nachgegossen und fleischfarben bemalt. Sie stellt eine nakte Frau
die auf allen Vieren kniet dar. Ihr Kopf ist mit einer Mechanik
beweglich gehalten. Wenn sie angestoßen wird nickt sie mit
dem Kopf.
Im gleichen Raum hängen Bilder von Andreas Tschernoch,
die auf den ersten Blick gleichmäßige Strukturen aus
der Natur fotografisch wiedergeben: den Waldboden, ein Wiesenstück
oder einfach nur den Himmel. Bei näherem Hinsehen erkennt man
darin eine sich reliefartig erhebende Struktur, die mit einer Nähnaht
klar umrissen ist. Dabei handelt es sich um die Silhouetten überfahrener
Tiere: ein Igel, ein Hase oder eine Taube.
Jens Nedowlatschil präsentiert seine Arbeit in der
Flucht des Raumes. Sie besteht aus drei Teilen und kreist um einen
zentralen Gegenstand, einem Sofaentwurf von Walter Gropius. Das
Sofa erscheint als verkleinertes weißes Modell, als schematisierte
farbige Zeichnung und auf einem großformatigen Foto, das den
Künstler selbst lässig auf dem Sofa ruhend zeigt. Nedowlatschil
verbindet die biographische Selbstdarstellung mit einem Nachdenken
über die Funktionen des Modells.
Der Nachbarraum wird im Zentrum durch Arbeiten von Angela Hiß
bestimmt. Die Künstlerin hat extra für diese Ausstellung
Glashäuser gebaut, in denen sie zum Teil sehr intime Zeichnungen
zeigt. Die Fragilität der ein Meter hohen Häuser schützt
die Zeichnungen, wie sie auch durch die Menge der gleichzeitig in
einem Haus zusammengebrachten Zeichnungen in ihrer Intensität
behutsam den Blicken des Betrachters ausgesetzt werden.
An der einen Seitenwand des Saales finden sich Papierarbeiten von
Bernd Plett. Sie haben einen stark konstruktiven Charakter,
der durch einfache Einschnitte in das Papier entsteht. Gegenläufig
aufgebaute Krümmungen der ursprünglich flachen Papierbögen
erschließen den Raum. Fast könnte man sagen: Plett hat
die Papierbögen bogenförmig eingeschnitten und sie in
Bögen gebogen.
An der gegenüberliegenden Wand hängen zwei große
Papierbögen, die Anett Frontzek bearbeitet hat. Grundlage
für ihre Bearbeitung ist das Schema eines gotisches Grundrisses,
das sie mehrfach gespiegelt zu einem Ornament zusammensetzt und
in feinen Linien aus dem Papier schneidet. Der Papierarbeit entsprechen
zwei graue Keramikobjekte am Boden, die ebenfalls auf Grundrissen
basieren, die sie in Körper zurückübersetzen.
Im nächsten Raum sind vier Fotos von Katrin Nölle
ausgestellt, die in gewisser Weise alle eine Form der Ordnung zu
Thema haben, die man vielleicht auch "typisch deutsch"
oder ein künstlerisches Grundprinzip, die "Komposition"
nennen könnte. Sie zeigen zum Beispiel einen schönen Kristallaschenbecher,
in dem ein Kapselheber liegt, der auf einer groben, grünen
Tischdecke steht, der noch die sorgfältig gezogene Bügelfalte
anzusehen ist.
Den Raum bestimmen zwei Stellagen aus Plexiglas, in denen Petra
Abel Porzellanformen aufbewahrt, die als Negativformen von Kniegelenken
und Ellenbogen erscheinen. Die Leichtigkeit des Aufbewahrungsortes
entspricht der Zerbrechlichkeit des Materials der Objekte.
Den Eingang zum kleinen Kabinett auf der linken versperrt ein Bild
von Brigitte Rathmann. Das Bild besteht aus einer monochrom
bemalten Plexiglasscheibe, die dem Türsturz von der Innenseite
gegengelegt ist, so daß sich an den Seiten ein schmaler Überstand
ergibt. Dadurch wird es möglich an der Innenseite durch einen
schmalen Spalt in den Raum zu blicken. Das Bild erhält auf
diese Weise von den Rändern her Licht.
Die große Halle im Obergeschoß vereint vier künstlerische
Positionen. Sally Seltmann zeigt hier ein Gemälde und
ein darauf bezogenes Objekt. Ihre Malerei ist gegenständlich
ohne konkrete Objekte abzubilden. Die einzelnen Farbformen und Flächen
lassen eine Körperlichkeit durch die intensive Farbe und die
Kontur entstehen. Eines der im Bild erkennbaren Objekte hat seinen
Weg bereits in den Raum gefunden.
Markus Hinterthür dokumentiert mit seinem Werk eine
telekinetische Versuchsanordnung, in deren Zentrum der Gedankenkraftverstärker
steht. Das Gerät ist aus schwerem Metall gearbeitet und mit
der für solche Instrumente typischen graugrünen Emailfarbe
gestrichen. In den Vitrinen sind Objekte zu sehen, die mit dem GKV
verformt wurden und Protokolle, welche die Versuche dokumentieren.
Eine Art Archäologie des Selbst hat Faye Neilson unternommen,
indem sie eine alte Stoffpuppe sorgfältig aufgetrennt hat.
Diese Puppe war immer wieder von ihrer Großmutter geflickt
worden und zwar mit Stoffresten, die übrig geblieben waren
beim Nähen ihrer Kleider, die immer wieder nach dem gleichen
Schnittmuster entstanden waren. Neilsen rekonstruiert nun für
die Ausstellung die verschiedenen Fassungen der Puppe mit neuen
Stoffen und näht dazu die passenden Kleider der Großmutter
neu.
In der zentralen Achse des Raumes erscheint eine Reihe von zwölf
schwarzen Notenpulten von Josefh Delleg. Die Pulte sind mit
einer Mechanik ausgestattet, die einen Dirigierstab kreisen läßt,
der auf diese Weise immer wieder auf die Metallflächen schlägt
und langsam darüber hin zieht. So entsteht ein Konzert, das
in Rhythmus und Variation den Raum füllt. Dreißig Stühle
als Auditorium angeordnet bieten eine Möglichkeit an diesem
Ort zu verweilen.
Im zweiten Stock des Südflügels finden sich zunächst
zwei Positionen von Malerei. Marzena Zornik ist eine Malerin,
für die das entfremdete Leben der Menschen in den Großstädten
Hauptthema ist: Einkaufsmärkte als sozialer Bezugspunkt, die
Einsamkeit am Tresen und der Mensch als Ware. Ihre Malweise ist
wütend und stark farbig, sie besitzt eine Körperhaftigkeit,
die unmittelbar auf den Körper des Betrachters und der Betrachterin
wirken kann.
Daneben steht ein Arrangement von Helena Rythkönen,
das aus vielen schmalen aufgehängten Papierbahnen besteht.
Diese Papierbahnen sind von der Künstlerin selbst geschöpft
und zum Teil bemalt. Auf diese Weise entsteht ein leichter Raum,
der Eindrücke von Dickicht und Nebel miteinander verschmelzen
läßt.
Auf dem Dachboden, "in der schäbigsten Ecke", wie
Horst Hoheisel selbst sagt, findet sich eine Archivmappe
mit einigen Aservaten, die aus einem Abschnitt der deutschen Vergangenheit,
der Zeit des Nationalsozialismus, auf uns überkommen sind.
Diese Mappe enthält Teile eines Sammellagers, das erst kürzlich
in Weimar abgerissen wurde. Hoheisel hatte die Reste unter dem Titel
"Zermahlene Geschichte" in großen Containern in
Weimar vor Ort ausgestellt.
Neben dem Südflügel als Ausstellungsort nutzt die Ausstellung
"Durchgangszimmer" auch Stellen auf dem Bahnhofsgelände
zur Präsentation künstlerischer Arbeiten.
In den Bahnhofshallen wird Walter Peter Lautsprecher aus
so ungewöhnlichen Materialien wie Kunstfell, Schaumstoffmatten
und Streichhölzern installieren, die neben den gebräuchlichen
Lautsprechern wie eine Art Travestie wirken.
In drei Schaukästen, die sich auf der Rückseite des Tabakladens
auf dem Querbahnsteig befinden, zeigt Jelena Gernert Fotografien,
die wie Mehrfachbelichtungen aussehen, tatsächlich aber Spiegelungen
dokumentieren. Dabei geht jede eindeutige Raumsituation verloren,
ohne daß die Bilder rein abstrakte Kompositionen würden.
Sie bewahren immer noch etwas von der Konkretheit der Orte, Kassel,
Köln oder Frankfurt, an denen sie aufgenommen wurden.
Harald Knöfel und Valentiel Piel versehen die
gläserne Wartekoje am Querbahnsteig mit einer Textinstallation,
die sich mit der Frage aller Wartenden beschäftigt, indem sie
ihre einzelnen Wörter auf vielfältige Weise miteinander
kombinieren und dadurch jeweils andere zusammenhänge herstellen.
Jedenfalls wird es für alle, die hier während der Ausstellung
warten werden viel zu entdecken geben.
Der Bahnhof ist einer der Orte, an dem einem gerne Dinge verloren
gehen. Ariane Zuber zeichnet diese Gegenstände wie Piktogramme
auf Leinwände, die sie in den Fensternischen der alten Bahnhofsfassade
zeigt. Sie erscheinen dort als Memorandum - also: Vergessen Sie
Ihren Schirm nicht! - oder als Erinnerungsbild für alle die
Taschen, die einmal hier stehengelassen wurden.
In der großen alten Schalterhalle des Bahnhofs wird in der
Zeit der Ausstellung Regen fallen. Zwei große Segel aus durchsichtiger
Kunststofffolie sind mit dünnen Bindfäden bestickt. Sie
sind raumfüllendes Element und Bild in einem. Isidro Rodrigues
Tascon hat diese Segel in Spanien gefertigt und sendet sie wie
einen Brief nach Kassel.
In einem Schaufenster an der Schalterhalle zeigt Juliane Heise
eine Art Businessset, bestehend aus einem Kostüm für die
Dame, einem Anzug für den Herrn und dem dazu passenden Koffer
aus Kunststoffgewebe. Dieses Material hat Juliane Heise zum ersten
Mal in Vietnam bei der Herstellung zweier traditioneller Trachten
verwandt. Bei uns findet man es hauptsächlich bei großen
Tragetaschen.
Ein etwas entlegener kleiner Lichthof wird als Ort neu definiert
durch eine Marmorstele von Manuela Osterburg. Die Stele trägt
den Schriftzug "Schmetterlinge im Bauch" und wird bekrönt
von einem leeren kubischen Glasaufbau. Die Verwaistheit des Ortes
und die Poesie der Stele stehen in einer Ambivalenz zueinander,
die nur ihr Besucher entscheiden kann.
Gerd Halter hat in den vergangenen Jahren leerstehende Läden
oder den Inhaberwechsel von Läden in Kassel fotografisch dokumentiert.
Dabei ist eine umfangreiche Sammlung entstanden, die in einem Schaufenster
an der alten Schalterhalle vorgestellt wird.
Eine weitere Sammlung zeigt Sabine Stange im Foyer der Bali
Kinos. Dabei handelt es sich um Filmenden, die zwar alle eine vergleichbare
Struktur aufweisen, im Detail jedoch sehr unterschiedlich aussehen
können. Die formale Ordnung, die sich durch die Reihung der
einzelnen Bilder ergibt, tritt in Beziehung zur Architektur des
Foyers, während der inhaltliche Aspekt durch den Ort – Filmenden
im Kino – hergestellt wird.
Ein künstlerisches Projekt, das keinen Standort besitzt, ist
eine Führung, die Jan Knierim und Valentin Piel
vorbereitet haben, und die zweimal in der Ausstellungszeit stattfindet.
Sie findet in den Unterführungen statt, die auf der Strecke
vom Bahnhof in die Innenstadt liegen.